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Kirchenfenster

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Reformation war zuerst veränderte Gotteserkenntnis. Dann änderten sich Überzeugungen im Denken und Handeln. Deshalb kann das Besinnen der Reformation von 1517 Überzeugungen von 2017 besinnen. Was sagt Gott? Was will Jesus? Das sind keine billigen Fragen, sondern Anker auf Irrwegen. Wachstum war unser Zauberwort: Es wachse etwas, weil wir etwas tun. Je mehr wird tun, umso besser wächst es. Dass wir mehr Dinge in immer kürzerer Zeit erledigen und dadurch unter Druck geraten, gehört zur Eskalationstendenz moderner Gesellschaften. Das sagt der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa. Er meint damit, dass Konflikte in unserer Gesellschaft nicht gelöst werden, sondern immer heftigere Aktionen und Reaktionen hervorrufen. Und Max Weber, ebenfalls ein Soziologe, verglich unser Leben deshalb mit einer nach unten gleitenden Rolltreppe. Man muss angestrengt nach oben laufen, um seinen Standort zu halten. Eine fatale Sache: Wachstum ist kein Zauberwort, sondern ein Gefängnis, in dem wir hetzen – im schlimmsten Fall ohne dass etwas Neues passiert. Nur, dass es nicht bergab geht. Innovation sieht anders aus. Keiner verlangt von uns, dass wir Rolltreppe fahren. Wir haben sie einmal in der Annahme bestiegen, möglichst rasch, ohne etwas zu tun, von unten nach oben zu kommen. Das war ein Trugschluss. Denn sie rollt von oben nach unten. Aber wir lieben sie immer noch. Das ist unser Problem. So geschieht etwas auf „Teufel komm raus“, sagt der Volksmund und die Bibel gibt ihm recht. Damit ist gemeint: Egal, was passiert: Es muss so weitergehen. Und zwar so, wie bisher. „Mehr desselben“ heißt das entsprechende Glaubensbekenntnis. Das gilt nicht nur für das Wachstum. Sondern auch für gesellschaftliche Einseitigkeiten, die uns zu schaffen machen. Wir ringen. Es brechen Herausforderungen auf, die wir überwunden zu haben glaubten. Doch sie schliefen nur. Dabei stellen wir uns gesinnungsethisch eher kindlich - trotzig an, als erwachsen versiert. In Zeiten, in denen das Wissen um Therapien Alltagswissen geworden ist, mutet es schon seltsam an, wenn gegenseitige Diffamierungskampagnen das Mittel der Wahl sind. Es bedarf heute eines kräftigen Schluckes aus dem Glas reformatorischen Geistes – wider den Geist der „Klassenstandpunkte“, an den sich Ältere noch gut erinnern. Die Reformation betont gegen solch strukturellen Unsinn ein erlösendes Ausstiegsszenario: „…dass das ganze Leben der Gläubigen eine Buße sein soll.“ Nicht mit gegenseitigen Schuldzuweisungen sondern mit selbstkritischem Sinneswandel vor Gott – und zwar allseitig. Damit begann die Reformation. Aufgabe von Kirche und Gemeinde ist es, genau das zu befördern.

Ihr Pfarrer Michael Zemmrich