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Kirchenfenster

Liebe Besucher der Internetseite unserer Kirchgemeinde,

wer den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, der sieht wohl einzelne Bäume – aber eben keinen Wald. Sprich: es kann geschehen, dass wir Einzelheiten so bewerten, dass uns das große Ganze verborgen bleibt. Das kann verschiedene Ursachen haben. Entweder hat der Betrachter grundsätzlich keine Vorstellung vom Wald mehr oder er steht so nahe an den Bäumen, dass es ihm tatsächlich nicht einfallen kann, dass er im Wald steht. Wenn ein solcher Mangel an Überblick eintritt, dann hilft nur Abstand. Und die Erkenntnis: Viele Bäume sind ein Wald. Wer sich mitten drin befindet – im Alltag, in der Geschichte, in einem Problem, in einer Auseinandersetzung - der hat den schweren Weg vor sich, Bäume als Wald zu erkennen. Und für sich zu schlussfolgern. Soweit aber muss man erst einmal kommen, sich zu sagen: Ich sehe nur Bäume und keinen Wald. Das ist eine harte Selbsterkenntnis: Ich verlor den Überblick. Ich sollte den Wald aber sehen, um zu wissen, wo ich bin. Ich kann wählen, demonstrieren, aus- oder eintreten – sogar in die Spaghettimonster-Kirche, Informationen zu mir nehmen oder sie abweisen, ich kann hinter der Gardine schweigen oder auf der Straße Gewalt anwenden. Ich kann das Himmelreich herbeizwingen oder die Vielfalt anbeten, bis sie jede Struktur verliert – wenn ich nicht weiß, was ein Wald ist, was er braucht, unter welchen Bedingungen er wächst und weshalb er eingeht, gleicht das alles dem sprichwörtlichen Pfeifen im Walde. Wie bei Tieren markiert es das Revier. So wird von der Angst abgelenkt, unterlegen zu sein und Stärke gemimt. Den Weg aus diesen Ersatzhandlungen führt uns der Psalm 31: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Und: „Meine Zeit steht in Deinen Händen“. So kommen wir zu Abstand und Weite. Sie sind ein Geschenk. Ein Geschenk ist es, Bäume als Wald zu erkennen. Und dann sogar einen Weg durch den Wald zu finden. Bis hin zu einer Lichtung mit freiem Blick zum Horizont. Je mehr unsere Zeit in Hektik gerät – im Kleinen wie im Großen - umso mehr sind Abstand und Orte der Klarheit nötig. Wobei Klarheit das ganze Panorama wahrnimmt und Einäugige keine Klarheit gewinnen können. Vielleicht verhelfen die kommenden Sommermonate zum erweiterten Blick, dass Raum und Zeit in Gottes Händen stehen. Dann können wir auch ohne Angst ans Werk gehen. Dann macht es Sinn, über Zukunft zu reden. Und sich nach ihr auszustrecken. Auch mitten im Wald.

Ihr Pfarrer Michael Zemmrich